Dru Dr. Ahmadli

„Ich operiere nicht, nur weil jemand operiert werden möchte“

Instagram liefert das Vorher-Nachher-Bild, die Praxis soll es umsetzen. Dr. med. Gulshan Ahmadli, Fachärztin für Plastisch-Ästhetische Chirurgie in Hannover, hält dagegen: Nicht jeder Wunsch ist eine Behandlungsindikation. Ein Gespräch über ärztliche Grenzen, die Banalisierung minimalinvasiver Eingriffe und die Frage, warum das beste Ergebnis manchmal gar keines ist.

Wer heute eine Praxis für plastisch-ästhetische Chirurgie betritt, kommt selten unvorbereitet. Behandlungsmethoden sind recherchiert, Ergebnisse verglichen, Erwartungen formuliert. Soziale Medien haben ästhetische Eingriffe in den Alltag geholt – mit dem Nebeneffekt, dass die Grenze zwischen medizinischem Eingriff und Beauty-Termin zunehmend verschwimmt.

Für Behandlerinnen und Behandler entsteht daraus ein Spannungsfeld: Zwischen dem informierten Patientenwunsch, den anatomischen Möglichkeiten und der ärztlichen Verantwortung, beides ehrlich abzugleichen. Wo verläuft die Linie zwischen guter Beratung und Nachfragebedienung? Und wie kommuniziert man ein Nein, ohne dass es als Zurückweisung ankommt?

Für Patientinnen und Patienten stellt sich daraus eine praktische Frage: Woran erkennt man eine Beratung, die diesen Anspruch erfüllt? Worauf es bei der Wahl des richtigen Arztes ankommt, haben wir an anderer Stelle ausführlich behandelt.

Dr. med. Gulshan Ahmadli, MHBA, arbeitet als Fachärztin für Plastisch-Ästhetische Chirurgie in Hannover. Im Gespräch mit dem Ästhetik Report erklärt sie, warum eine gute Beratung nicht zwangsläufig mit einer Behandlung enden muss.

Ästhetik Report: Viele Patientinnen und Patienten kommen heute sehr gut vorbereitet in die Praxis – recherchiert und mit Vorher-Nachher-Bildern aus sozialen Medien. Wie verändert das die Beratungssituation?

Ich begrüße es, wenn Patientinnen und Patienten sich informieren. Aber Instagram ist kein Anatomiebuch – und ein Vorher-Nachher-Foto ist kein Behandlungsplan. Social Media kann Wünsche sichtbar machen und eine gute Grundlage für ein Gespräch sein. Gleichzeitig entsteht dort schnell die Illusion, dass jedes Gesicht und jeder Körper nach demselben „Ideal“ modellierbar wäre. Das stimmt nicht.

Meine Aufgabe in der Beratung ist deshalb nicht, eine Wunschliste abzuarbeiten. Ich möchte verstehen, was einen Menschen wirklich stört, warum er etwas verändern möchte und was medizinisch sinnvoll und individuell möglich ist. Manchmal führt dieses Gespräch zu einer Behandlung – manchmal aber auch zu der Erkenntnis, dass weniger mehr ist.

Wann raten Sie von einem Eingriff ab – und wie kommunizieren Sie das, ohne dass sich jemand abgewiesen fühlt?

Ich operiere nicht, nur weil jemand operiert werden möchte. Wenn ich glaube, dass ein Eingriff mehr Schaden als Nutzen bringen könnte oder die Erwartungen nicht realistisch sind, sage ich Nein. Das kann zum Beispiel der Fall sein, wenn jemand eine Veränderung erwartet, die anatomisch nicht erreichbar ist, wenn die Risikobereitschaft zu hoch ist oder wenn die Motivation für den Eingriff aus meiner Sicht Anlass zur Sorge gibt.

Ein ärztliches Nein ist für mich kein persönliches Nein zu einem Menschen. Im Gegenteil: Manchmal ist die verantwortungsvollste Behandlung, eine Behandlung nicht durchzuführen. Ich versuche dabei nicht zu belehren, sondern transparent zu erklären, was mich zu dieser Entscheidung bringt. Die Patientin oder der Patient soll verstehen: Hier wird nicht mein Wunsch abgelehnt – hier schützt mich meine Ärztin vor einer Entscheidung, die sie medizinisch nicht verantworten kann.

Gerade bei minimalinvasiven Behandlungen wie Botulinumtoxin oder Hyaluronsäure scheint die Hemmschwelle gesunken zu sein. Sehen Sie das als Problem?

Ja – vor allem dann, wenn „minimalinvasiv“ mit „harmlos“ gleichgesetzt wird. Eine Spritze bleibt eine medizinische Behandlung. Botulinumtoxin und Hyaluronsäure können hervorragende Ergebnisse erzielen, aber auch hier braucht es Fachwissen, Erfahrung, eine korrekte Indikation und ein Bewusstsein für mögliche Komplikationen. Gerade bei Fillern darf man nicht vergessen: Eine kleine Behandlung kann im seltenen Fall eine große Komplikation verursachen.

Ich wünsche mir deshalb einen etwas bewussteren Umgang mit Ästhetik. Wir müssen ästhetische Medizin nicht dramatisieren – aber wir sollten sie auch nicht banalisieren. Ein guter ästhetischer Eingriff darf sich leicht anfühlen. Er sollte aber niemals leichtfertig durchgeführt werden.

Was bedeutet für Sie ein „gutes ästhetisches Ergebnis“ – und warum ist das nicht für jeden Menschen dasselbe?

Ein gutes Ergebnis ist für mich nicht das, was gerade auf Instagram besonders häufig zu sehen ist. Es ist das Ergebnis, das zu diesem Menschen passt. Ich möchte keine Gesichter nach einer Schablone behandeln. Ein Gesicht darf Charakter haben. Es darf individuelle Merkmale behalten. Und es muss nicht jedem aktuellen Schönheitsideal entsprechen.

Für mich bedeutet Ästhetik deshalb vor allem Harmonie: Die Veränderung sollte zur Anatomie, zum Alter, zur Persönlichkeit und zum Wunsch des Menschen passen. Und manchmal ist das beste Ergebnis tatsächlich eine sehr kleine Veränderung. Wenn jemand nach der Behandlung besser aussieht, aber nicht sofort erklären kann, was anders ist, kann das ein sehr gutes Zeichen sein.

Wie sieht für Sie eine verantwortungsvolle Nachsorge aus?

Eine Behandlung endet für mich nicht, wenn die Patientin oder der Patient die Praxis verlässt. Verantwortungsvolle Nachsorge bedeutet, erreichbar zu sein, den Heilungsverlauf ernst zu nehmen und auch dann hinzuschauen, wenn etwas nicht so läuft wie geplant. Patientinnen und Patienten müssen wissen, was nach einem Eingriff normal ist – aber genauso wichtig ist, dass sie wissen, wann sie sich melden müssen.

Und dazu gehört auch Ehrlichkeit. Nicht jede Schwellung ist eine Komplikation, aber nicht jede Komplikation sollte als „normale Heilung“ abgetan werden. Ich sehe meine Verantwortung deshalb nicht nur darin, ein schönes Ergebnis zu erzielen. Ich trage auch Verantwortung für den Weg dorthin – und für den Umgang mit Problemen, falls etwas nicht nach Plan verläuft.

Am Ende ist das vielleicht der wichtigste Unterschied zwischen ästhetischer Medizin und einem reinen Beauty-Angebot: Wir arbeiten nicht an Produkten oder Trends, sondern an Menschen. Und diese Verantwortung darf man nie aus den Augen verlieren.

Zur Person

Dr. med. Gulshan Ahmadli, MHBA, ist Fachärztin für Plastisch-Ästhetische Chirurgie in Hannover. Neben der plastisch-ästhetischen Chirurgie beschäftigt sie sich insbesondere mit der Handchirurgie sowie der Haut- und Weichteilchirurgie. In ihrer Arbeit legt sie besonderen Wert auf medizinische Sicherheit, ausführliche Aufklärung und natürliche, realistische Behandlungsergebnisse.

Weitere Informationen: aesthetik-hannover.de


Das Interview führte die Fachredaktion des Ästhetik Report.